„Eine Stofftasche aus Unterföhring“

Unterföhring klein

In Frankfurt wird anlässlich eines Antrags der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung an das Stadtparlament gerade heftig über den rassistischen Namen zweier Apotheken diskutiert.[1] Diese Art rassistischer Symbolik ist leider weit über Frankfurt und das Apothekenwesen hinaus verbreitet.

Neulich wollte ich mit meiner Kollegin in die Bibliothek, um einen Stapel Bücher zurückzubringen und einen neuen auszuleihen. Schlauerweise hatte sie hierzu einen Stoffbeutel mitgebracht – den sie zu diesem Zwecke daheim aus dem Regal gefischt und unbesehen eingesteckt hatte.

Als sie nun das Ding wieder aus ihrer Tasche zog und es erstmals betrachtete, war der Schreck groß: Es prangte darauf das Wappen der Stadt Unterföhring – quer geteilt durch einen schrägen Streifen, links unten eine Mauer und rechtsoben die klischeehafte Darstellung des Kopfes eines Schwarzen Mannes – mit Krone. Für den Transport der Bücher stülpten wir einstweilen den Beutel nach innen, gingen der Angelegenheit aber im Anschluss nach:

In der Rubrik Geschichte auf der Internetseite der Stadt Unterföhring können wir nachlesen, dass es sich hierbei um einen gekrönten Kopf eines „Mohren“ (im Weiteren M., um diesen Begriff nicht unnötig zu reproduzeiren) handele, „der auf frühere Herrschaftsverhältnisse hinweist“ und zwar insofern, als Unterföhring wie einige andere Ortschaften vom 14. bis zum 19. Jahrhundert dem Fürstentum Freising „unterworfen“ waren – und das Wappen des letzteren habe eben auch eine solche Darstellung enthalten.[2] Die Heraldik redet auch vom „Freisinger M.“. Im Wappen der Stadt Freising findet sich aber inzwischen diese Darstellung nicht mehr (hier dominiert nun ein Braunbär), wohl aber in demjenigen des Landkreises.

In Unterföhring scheint dieses Wappen mit M. für unproblematisch befunden zu werden, mehr noch: geeignetes Aushängeschild zu sein – der jährlich vergebene Kulturpreis der Gemeinde heißt „Unterföhringer M.“ und sieht auch so aus. Im Merkur wird am 06.10.2017 der Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer zitiert, der „witzelt“: „Unser M. macht sich nett im Regal“. Auch die gekürten scheinen wenig Problem mit der Auszeichnung zu haben: die Liste liest sich zumindest teilweise prominent (z.B. Helmut Schleich, Matthias Riechling im Jahr 2016, Wolfgang Krebs 2017[3]).

Eine oberflächliche Internet-Recherche zu Wappenkunde und M. zeigt schnell, wie selbstverständlich und weitvebreitet dieses Symbol genutzt wird: In diversen anderen Gemeinden und Landkreisen vor allem (aber nicht nur) in Baden-Württemberg und Bayern (Eching, Fahrenzhausen, Zolling (alle drei Landkreis Freising), Tuttlingen-Möhringen, Unterpleichfeld, Uettingen, Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald, Pastetten, Wörth, Ismaning, Huisheim, Lauingen, Abfaltersbach, Coburg, Zwickau, Förderstedt, Bad Sandau, Sulzen u.v.m.), in Niederösterreich und der Steiermark sowie in Slowenien. Und auch auf diversen Bischofswappen bis hin zum Papstwappen von Benedikt XVI, der nach seiner Wahl ein (selbstgewähltes!) Wappen annahm (inspiriert von Wappen, die er auch schon als Erzbischof von München und Freising (!) verwendet hatte) – darauf ist u.a. ein M-Kopf. Heraldisch erklärt wird dies z.B. auf der Internetseite des Vatikans auch in einer ansonsten ausführlichen Darstellung nur mit einem vagen Verweis auf Freising. Mehr Anlass zur Diskussion hat wohl die Abwesenheit eines expliziten Mottos auf dem Papstwappen gegeben, doch „Das Fehlen eines Mottos deutet nicht auf das Fehlen eines Programms hin, sondern vielmehr auf die uneingeschränkte Offenheit für alle Ideale, die dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe entstammen.“[4] Na dann.

[1] Marie-Sophie Adeoso: „Wir Afrikaner sind auch Teil dieser Stadt“, Frankfurter Runschau vom 31.01.2018, http://www.fr.de/frankfurt/debatte-um-mohren-apotheken-wir-afrikaner-sind-auch-teil-dieser-stadt-a-1437410, „Diskussion um „Mohren“-Apotheken“, 25.01.2018, http://www.fr.de/frankfurt/rassismus-diskussion-um-mohren-apotheken-a-1432558,  „Streit um „Mohren“-Apotheke muss sein“, http://www.fr.de/frankfurt/rassismus-streit-um-mohren-apotheke-muss-sein-a-1433135

[2] Der Querstreifen im Unterföhringer Wappen soll übrigens die Isar sein und die Ziegelsteine symbolisieren „den einstigen Schwerpunkt im Wirtschaftsleben der Gemeinde Unterföhring, die Ziegeleien“.

[3] Interessantes Detail: zweitplatziert war das moldauische (in Unterföhring wird natürlich „moldawisch“ geschrieben) Nationalballett, http://www.buergerhaus-unterfoehring.de/

[4] Msgr. Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, Titularerzbischof von Tuscania, Erzpriester von St. Paul vor den Mauern, Das Wappen von Papst Benedikt XVI., https://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/elezione/documents/stemma-benedict-xvi.html

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